Jugendarbeit
Ein Blick in die bekannten Satzungen des Briefmarken-Clubs Hannover von 1886 e.V. (BCH) macht deutlich, wie schwierig es für die verschiedenen Club-Vorstände war, die richtige Einstellung zu philatelistischer Jugendarbeit zu finden.
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Die Gründung des BCH am 20. November 1886 erfolgte durch „drei Schüler höherer Lehranstalten“. Gründungen philatelistischer Vereine durch Jugendliche waren in jener Zeit nicht ungewöhnlich. Diesen Vereinen war jedoch selten eine längere Lebensdauer beschieden. Anders der BCH, der sehr schnell Tritt gefasst hatte. Die erste Ausstellung des Clubs fand 1887, also wenige Monate nach der Club-Gründung, statt. Das genaue Datum konnte bisher leider nicht festgestellt werden. Weil die Protagonisten zur Zeit der Club-Gründung – Georg Hoffmeister, Karl Mundt und Fritz Sinram – alle um die 15 Jahre alt waren, könnte man geneigt sein zu sagen, dass es sich wohl um eine Jugend-Briefmarkenausstellung gehandelt haben könnte.
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Wann es zur Einrichtung von Jugendgruppen in der frühen Vereinsszene im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts gekommen ist, ist dem Verfasser nicht bekannt. Fest dürfte aber stehen, dass philatelistische Jugendarbeit im heutigen Sinne seinerzeit eher unbekannt war und bestenfalls in Einzelfällen praktiziert worden ist. Offenbar war sie, begründet durch das jugendliche Alter der Mitglieder, nicht unbedingt notwendig. Die erste bekannte, allerdings undatierte Club-Satzung aus dem Jahre 1888 sieht vor, dass „Ordentliches Mitglied jede unbescholtene Person werden kann, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat“. Diese Festlegung ist besonders bemerkenswert – zur Erinnerung: Die drei „Gründungsväter“ waren bei der Club-Gründung zwei Jahre zuvor gerade mal 15 Jahre alt und konnten deshalb das satzungsmäßige Mindestalter zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht haben.
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Die zweite bekannte Satzung aus dem Jahre 1900 hebt das zur Club-Mitgliedschaft notwendige Mindestalter auf 21 Jahre an.
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Die am 29. Januar 1936 auf der ordentlichen Hauptversammlung beschlossene neue Satzung – die dritte – legt in Punkt 2 fest, dass jeder Volljährige Mitglied des BCH werden kann. Die Volljährigkeit wurde seit dem 1. Januar 1900 durch das Bürgerliche Gesetzbuch geregelt und mit dem 21. Lebensjahr erreicht.
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In allen drei Satzungen wird Jugendarbeit nicht erwähnt. Entsprechende Funktionen innerhalb des Club-Vorstandes gab es nicht.
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Obwohl in diesen Jahren philatelistische Jugendarbeit innerhalb des Club-Lebens nicht ausdrücklich erwähnt wird, so ließ sich der Club-Vorstand dennoch nicht davon abhalten, etwas für die Jugend zu tun. Am 27. Januar 1909 veranstaltete der BCH im Rathaussaal seine zweite größere Ausstellung, der eine Jugendklasse (!) angeschlossen war. Ein Jahr später, am Sonntag, dem 2. Januar 1910, fand wieder eine öffentliche Briefmarkenausstellung im Saal des „Alten Rathauses“ unter der Schirmherrschaft des damaligen hannoverschen Stadtdirektors Tramm statt, die wieder mit einem philatelistischen Jugendwettbewerb verbunden war. Dieses Ereignis lässt sich durch ein im Archiv des BCH erhaltenes Originalplakat belegen.
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Wenn Jugendarbeit in den Club-Satzungen bis dahin nicht zum Ausdruck kam, so änderte sich dies nach dem Ende des II. Weltkrieges. Der BCH wurde als erster Verein in der britischen Besatzungszone bereits am 29. Juli 1945 wieder zugelassen. Die erste Satzung der Zeit nach dem II. Weltkrieg, beschlossen während der außerordentlichen Hauptversammlung, der so genannten „Neugründungsversammlung“ am 25. September 1946, nennt im Vorstandsrat u. a. den „Jugendwart“, ein Begriff, den es bis dahin in keiner der bekannten Club-Satzungen gegeben hatte. Eine gewisse, weitere Öffnung zur Jugendarbeit ergab sich auch dadurch, dass die Club-Mitgliedschaft vom 18. Lebensjahr an erreicht werden konnte, wobei Mitglieder unter dem 21.Lebensjahr der „Zustimmung ihres gesetzlichen Vertreters“ bedurften.
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Wie oft diese Regelung Anwendung fand, ist nicht bekannt. Aufzeichnungen darüber, insbesondere Mitgliederlisten aus dieser Zeit, liegen nicht vor. Dass der Club in einigen Fällen von der satzungsgemäßen Altersvorgabe absah – aus welchen Gründen auch immer – soll an zwei Beispielen dargelegt werden. Ernst-August Heyser aus Hannover, Jahrgang 1919 und damit heutiger Senior aller Club-Mitglieder, wird seit Januar 1938 als Club-Mitglied geführt. Er war damals 18 Jahre alt. Martin Wust aus Mainz, Jahrgang 1968, trat im September 1984, damals 16jährig, in die Arge HANNOVER des BCH ein.
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Die Satzung vom 16. Oktober 1962 sieht weiterhin die Funktion des Jugendwartes vor (§ 11), der innerhalb des Vorstandsrates fungiert. Erstmals wird Jugendarbeit in § 17 der Club-Satzung wie folgt beschrieben:
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„Der Verein hat keine jugendlichen Mitglieder. Jugendliche Briefmarkensammler, die ihr Interesse für die Vereinsarbeit bekunden, sind zu allen Vereinsveranstaltungen zugelassen. Es ist das Bestreben des Vereins, diesen jugendlichen Sammlern in den Vereinsitzungen philatelistisches Wissen zu vermitteln, ihnen Anregungen und Ratschläge für den Aufbau ihrer Sammlungen und sonstige Hilfe zuteil werden zu lassen. Die besondere Betreuung der Jugendlichen obliegt dem Jugendwart.
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Die Satzung von 1980 führt die Position eines Jugendwartes weiterhin, die jedoch mit einigen anderen Funktionen in einer Satzungsänderung vom 4. März 1986 gestrichen wurde. Gleichzeitig wurde im beibehaltenen § 17, der die Jugendarbeit beschreibt, der letzte Satz „Die besondere Betreuung der Jugendlichen obliegt dem Jugendwart“ ebenfalls gestrichen.
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Das sich der BCH dennoch immer in gewisser Weise der Jugendbetreuung verpfl ichtet fühlte, wird auch durch die Tatsache belegt, dass in den 80er Jahren einigen jugendlichen Mitgliedern des befreundeten Philatelistenvereins Gehrden e.V. Gelegenheit gegeben wurde, ihre Sammlungen auf Club-Abenden des BCH vorzustellen, was sicher auch zur Formung der jugendlichen Sammler beigetragen hat. (Anke Bullerdiek am 12. April 1988 mit „Kleine Bautenserie Österreich“ und Steffen Heise am 29. November 1988 mit „Spanien – die neue Monarchie“). Unser heutiges Mitglied Paul Hasse, damals noch in Hannover wohnend, zeigte ebenfalls als 19jähriger seine Sammlung „Norddeutscher Postbezirk“ auf dem Club-Abend des 9. Mai 1989.
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Nach dem Auftritt Steffen Heises ergab sich im Verlauf des weiteren Club-Abends eine längere Diskussion unter dem Thema „wie wir als BCH junge Sammler unterstützen können“.
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Zur Einrichtung der ersten „richtigen“ Jugendgruppe des BCH kam es 1992, als sich der Verband Niedersächsischer Philatelisten-Vereine e.V. gemeinsam mit dem BCH an einer Ferienpassaktion der Stadt Hannover beteiligte. Mehr als 40 Kinder und Jugendliche nahmen teil, die nach Abschluss dieser Aktion vom BCH zu weiteren Aktivitäten in das damalige Club-Domizil „Künstlerhaus Hannover“ eingeladen wurden.
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Diese positive Entwicklung veranlasste den Club-Vorstand, der Jahreshauptversammlung 1993 eine Satz - ungsänderung, die Einrichtung einer wenige Wochen vorher gegründeten Jugendgruppe betreffend, vorzuschlagen, die einstimmig angenommen wurde. Als Jugendleiter wurde Georg Baumgärtner einstimmig gewählt, der auch bei den ersten Zusammenkünften der Jugendlichen dabei war. Gleichzeitig wurde die Gruppe dem Landesring Niedersachsen / Bremen der Deutschen Philatelistenjugend (DPhJ.) angeschlossen.
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Nicht alle der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen an der Ferienpassaktion 1992 konnten sich zum Beitritt entschließen. Immerhin weist die Liste der jugendlichen Mitglieder aus dem Jahre 1993 25 Namen auf, die bis auf zwei, die ihren Wohnsitz in Laatzen und Isernhagen hatten, alle aus Hannover kamen. Darunter befanden sich 9 Mädchen.
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Leider gelang es nicht, diese in ihrer Zusammensetzung doch sehr interessante Gruppe über einen längeren Zeitraum zusammenzuhalten. Aufgabe des Sammelns, starke schulische Beanspruchungen, beginnende Berufsausbildung oder Wegzug aus Hannover waren die häufigsten Gründe für die langsame Auflösung der Gruppe, auch, weil es auf Dauer nicht gelang, die Abgänge durch Neuaufnahmen auszugleichen. Auf der Generalversammlung am 10. März 1998 teilte Präsident Lütgens mit, dass der Leiter der Jugendgruppe, Georg Baumgärtner, nicht mehr zur Verfügung stehe. Einen Bericht zur Jugendgruppe gab es nicht. Die Position musste vorerst vakant bleiben. Ende dieses Jahres konnte Club-Mitglied Wolfgang Torterotot als neuer Jugendgruppenleiter gewonnen werden.
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Er wurde durch die Generalversammlung 1999 bestätigt. Die Zahl der jugendlichen Mitglieder war inzwischen auf 8 zurückgegangen. Wolfgang Torterotot, durch seine berufliche Tätigkeit mit reicher pädagogischer Erfahrung ausgestattet, führte eine fundierte Ausbildung in die Grundbegriffe der Philatelie ein, ein Vorhaben, das es in dieser Form bisher nicht gegeben hatte. Aber auch diese lobenswerte Absicht konnte den weiteren Rückgang der Mitgliederzahl aus den oben bereits genannten Gründen nicht aufhalten. Keinesfalls war das vorläufi ge Ende der BCHJugendgruppe mit der Tätigkeit Wolfgang Torterotots zu begründen – darin waren sich die gelegentlichen Besucher der Gruppen-Nachmittage einig. Auf der Generalversammlung des BCH im März 2002 musste Wolfgang Torterotot mitteilen, dass die Jugendgruppe nur noch auf dem Papier besteht.
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Durch die vom Verband Niedersächsischer Philatelisten-Vereine in Verbindung mit dem BCH angebotene philatelistische Ferienpassaktion der Stadt Hannover des Jahres 2007 konnte ein viel versprechender Neuanfang gemacht werden. In diesem Zusammenhang muss der persönliche Einsatz des Verbandsvorsitzenden Gerhard Hilbig besonders hervorgehoben werden. Die aktuelle Jugendgruppe des BCH besteht aus Mitgliedern unterschiedlichen Alters, die von dem neuen Gruppenleiter Michael Rosenberg sowie Frau Ulrike Krüwel (BSV Laatzen) und Gerhard Hilbig (BCH) betreut werden. Erste hoffnungsvolle Ergebnisse der Gruppenarbeit konnten während der HABRIA `11 besichtigt werden.